„Ich glaube, so viel Gesund bekommt mir nicht.“ Leicht betreten mit einem Hauch von Schuldbewusstsein steht der mir Angetraute gegenüber – in der Hoffnung, endlich das Wildschwein zu bekommen, auf das er seit Ewigkeiten Appetit hat. Mein leichtes Stirnrunzeln ignoriert er.
Mir hingegen bricht es das Herz. Na gut, nicht ganz. Vielleicht ein Viertelherz. Jedenfalls steht er vor mir, lächelt mich an, streichelt mein Gesicht und brummt „Butzi. Muss es wirklich Gemüse sein?“
„Muss es nicht, Tapsbär. Wenn wir uns aber noch weitere 30 Jahre auf den Keks gehen wollen, sollten wir Gemüse essen.“ Nicht, dass ich das Gemüt eines Kaninchens hätte. Im Gegenteil. Bis vor kurzem schlummerte in mir ein Kannibale. Schnitzel um Schnitzel verschwand in meinem Bauch – bis zu meiner Vorsorgeuntersuchung. Ich gehöre ja zu den kognitiv-vermeidenden Menschen, d. h. ich habe solche Angst vor Diagnosen, dass ich eher allein eine Nacht auf dem Friedhof verbringe, als eine Arztpraxis zu betreten.
Irgendwann kam ich nicht mehr drumherum. Ich kniff meine Cellulite-geplagten Arschbacken zusammen, sprühte mir Chanel No. 5 unter meine noch trockenen Achseln, machte mich landfein und harrte der Dinge, die da kommen mögen.
Und da saß ich nun – inmitten hustender, röchelnder, dem Tode nahen Menschen. War das Halskratzen vorhin auch schon da? Ich glaube, ich habe Fieber. Ich muss hier raus.
Bevor ich meine alten Knochen zusammenklauben konnte, stand die Arzthelferin vor mir – rigoros, einschüchternd, quasi angsteinflößend. Und wenig später traf ich ihn – den Gott in Weiß. Ich hingegen fühlte mich eher wie eine Maus als eine Göttin. Eine Diagnose später wollte ich nur noch verschwinden. Eine Fettleber hätte ich. Mein Blutdruck hätte Werte, die selbst den Aetna vor Neid erblassen würden, und die Pölsterchen um meine Taille konnte ich auch nicht verstecken.
Natürlich möchte ich nicht allein leiden und koche mich seitdem durch den Garten: Möhren, Salat, Kohl, Radieschen, Tomaten usw. Das Angebot ist groß – im Gegensatz zum Appetit. Wenn wir weiter so essen, wachsen uns noch Hasenohren.