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„Wie geht es dir? Ich mache mir Sorgen. Bitte melde dich doch mal bei mir.“ Das einsame Blinken des Cursors weckt ungute Erinnerungen in mir. In der Ferne tönt das schrille Geheul eines Krankenwagens – eine Warnung für alle, wachsam zu sein.

Gedankenverloren stehe ich in meiner Küche. Längst ist die Tasse in meiner Hand leer, hat keine Funktion – so wie ich: Mein Körper wie eine Hülle, ausgezehrt von Sorgen. Ich bin so müde. Ich bin ausgelaugt vom Leben. Die Angst um dich und der Kampf um deine Liebe.

Abends sitze ich da – allein vor meinem Fernseher. Der schwarze Bildschirm zeigt mir mich: eine einsame Gestalt in der Dunkelheit. Ein Schmetterlingsschlag im Universum. Die Flasche Wein – einst geöffnet für einen Moment der Freude, längst ein stummes Zeugnis meiner Einsamkeit. Zu viel Alkohol, zu wenig Schlaf, zu wenig Liebe.

„Warum meldest du dich nicht bei mir? Geht es dir gut?“ Das Flackern der Neonreklame taucht das Zimmer in ein unwirkliches Licht. Früher saßen wir hier – ich und du– ein Team, auf ewig untrennbar miteinander verbunden. Dachte ich. Lange wusste ich nicht, wo du bist. Bis du Geld brauchtest. Du hattest Schulden und warst verzweifelt. Den Kredit zahle ich heute noch ab.

Ich weiß nicht, was du heute machst. Du nahmst das Geld und verschwandst. Von jetzt auf gleich. Müde stehe ich auf. Meine Beine geben leicht nach. Der Alkohol hat zwar meinen Körper beruhigt, meine Gedanken aber rasen. Die Angst, dich verloren zu haben, liegt schwer wie Blei auf mir. Angst, dich nie wiederzusehen, deine tiefe Stimme zu hören – die Stimme eines Mannes, der einst als Kind in meinen Armen schlief.

Das Klingeln des Weckers reißt mich aus meinem Schlaf. Eben bin ich noch gerannt. Gerannt um mein Leben. Irgendwer war hinter mir. Mein Herz schlägt mir bis zum Hals. In meinem Dekolleté rinnt der Angstschweiß zwischen meinen Brüsten herunter.

Das trübe Licht im Bad ist gnädig, verbirgt die Schatten unter meinen Augen und die Müdigkeit in meinem Blick. Heute ruft er an. Oder er schreibt. Heute wird er sich bei mir melden. Einen Moment lang sehe ich die Schönheit des Morgens, die Eiskristalle, die die Kälte der Nacht auf ihren Fenstern hinterlassen hat. Einen Moment lang. Keine Nachricht. Das Display meines Handys ist so leer wie mein Kopf. Und wieder würgt der eiserne Griff aus meinem Herz meine letzte Hoffnung heraus.

Meine Hände zittern. „Kannst du bitte ein Lebenszeichen von dir geben? Ich rufe die Polizei, wenn du dich nicht meldest.“ Mein Herz pocht so wild wie das eines Babys – lange, bevor es geboren wird. Der Klang meines Handys holt mich aus meiner Starre. „Ja.“ Ein Wort. Ein einziges Wort. Nur ein Wort, aber ein Lebenszeichen. Ein Schmerz, der mir die Tränen in die Augen treibt. „Können wir telefonieren?“, tippe ich hastig, verschreibe mich, lösche, tippe, verschreibe mich. Egal. Ich habe Angst, dass er das Handy und mich weglegt, bevor er meine Nachricht liest.

Zu spät. 20 Minuten wache ich neben dem Telefon, beobachte das Handy, hoffe. 20 Minuten: eine Ewigkeit. Nichts.

Ich fahre zu ihm, denke ich. Meine Haare, ungekämmt, nachlässig – Laissez faire. Leben und leben lassen. Wen interessiert, wie ich aussehe? Ich weiß doch selbst nicht, wer ich bin.

Kurz fröstele ich. Es ist kälter, als ich dachte. In meiner dünnen Jacke spüre ich die Kühle des Dezembermorgens und ziehe unwillkürlich die Schultern zusammen: klein, ängstlich, unsichtbar. Niemand sieht mich. Niemand nimmt mich wahr. Jeder ist mit sich selbst beschäftigt. Niemand weiß, dass ich da bin.

Weißt du noch, damals? Du hattest immer Angst im Dunkeln und wolltest bei mir schlafen. Dein zarter Körper schmiegte sich an mich, wärmte mich, gab mir Nähe. Später sagtest du, du wolltest nie bei mir schlafen. Das stimmt nicht, mein Schatz. Du und ich: Wir gegen den Rest der Welt.

Leise knirscht der Morgenreif unter meinen Füßen. Das ist die Luft, die aus den Eiskristallen gepresst wird, hast du gesagt. Deine Wangen gerötet von der Kälte des Januars. Damals wolltest du unbedingt Schlittschuh laufen. Wir hatten kein Geld und ich räumte wochenlang Waren im Supermarkt ein, um dir die Schlittschuhe kaufen zu können, die du dir so sehr gewünscht hast. Einmal hast du sie getragen. Dann standen sie so allein in der Ecke, wie ich mich fühlte, wenn ich mit dir zur Eisbahn wollte. Was ich von dir wolle, hast du mich dann gefragt.

Zeit. Mehr nicht. Deine Worte haben mich verletzt, aber ich sagte nichts und ging. In der Küche weinte ich. Still. Allein mit mir und meinem Schmerz.

Das aufgeregte Klingeln der Straßenbahn holt mich aus den Gedanken. Ich spüre die Blicke der anderen in meinem Rücken. Kann sie nicht aufpassen, die dumme Trine? Jetzt hätte es fast einen Unfall gegeben und ich hätte warten müssen, bis man ihre Reste von den Schienen gekratzt hat. Sowas Rücksichtsloses. Fast möchte ich mich entschuldigen, beschleunige aber meine Schritte. Wenn ich mich beeile, ist er vielleicht noch wach. Bestimmt ist er müde vom langen Spielen in der Nacht. Ich erinnere mich, wie ich nächtelang wach lag und deinem lauten Gebrüll beim Zocken zuhörte. Dir war es egal. Sobald sich deine Tür hinter meinem Rücken schloss, warst du lauter als zuvor. Am Morgen schliefst du und wolltest nicht zur Schule. Wie oft haben wir uns angeschrien? Du hast nicht verstanden, dass ich müde war – deinetwegen.

Da, dein Name auf dem Türschild. Du wohnst noch dort, bist nicht umgezogen. Verstummt sind die Geräusche. Es gibt nur noch mich und dich. Zögernd drücke ich auf den Klingelknopf, höre den sanften Klang der Klingel. Ich warte. Nichts. Fast möchte ich gehen, als deine tiefe Stimme aus dem Lautsprecher kommt. Unwillig. Du wolltest nicht gestört werden. Das höre ich am Klang deiner Stimme und spüre es, als du mir die Tür öffnest. Kein Hallo, keine Umarmung. Zwei Fremde, die sich nichts mehr zu sagen haben.

„Geht es dir gut?“, frage ich ängstlich und hasse mich für die Unsicherheit, die du immer in mir auslöst. Du bist genervt. Ich sollte gehen. Warum ich das dauernd frage, willst du wissen. Das nerve. Du hättest ein eigenes Leben. Du würdest du dich schon bei mir melden. Das hattest du vor einem Jahr auch gesagt – und mich vergessen. Aber ich kann dich nicht vergessen. Kann nicht den Anruf vergessen, als du dich umbringen wolltest. Damals brauchtest du mich, wolltest, dass ich dir helfe. Ich war da, immer und überall.

Ich spüre die Tränen in meinen Augen, drehe mich um, öffne deine Tür – so wie damals – und hoffe, dass du mich aufhältst, dass du mir sagst, wie lieb du mich hast, dass du froh bist, dass ich deine Mutter bin. Es kommt – nichts.

Der Hall meiner Schritte im Treppenhaus verrät, was Worte nicht können. Ich bin traurig. Auf der Straße herrscht ein reges Treiben. Das ist Leben. Was ist mein Leben?

Dieses Mal höre ich die Straßenbahn. Ich drehe mich nicht um. Du hast schon längst vergessen, dass ich da war, hockst vor dem Computer in deiner eigenen Welt. Mein Leben bleibt stehen. Ich bin jetzt in meiner Welt. Endlich Ruhe.