Es war nicht die Frage, ob sie wusste, wer sie wirklich ist. Vielmehr war es wichtig, ob es die anderen wussten.
Als Betty an jenem Tag aus ihrem Bett in ihre überaus bequemen Plüschhausschuhe schlüpfte, war es noch dunkel. Vereinzelt brach sich das Scheinwerferlicht müder Nachtschwärmer an ihrem Schlafzimmerschrank, warf dunkle Schatten – fast wie eine leise Ahnung von den Geschehnissen, die noch kommen würden.
Betty schlüpfte also in ihre Plüschhausschuhe, schlurfte ins Bad und warf sich eine Handvoll Wasser in ihr müdes Gesicht. Ein Huch entfuhr ihr angesichts der Kälte, die die Müdigkeit zumindest aus ihrem Gesicht trieb. Sorgfältig zog sie den Rand ihrer Lider nach und verbarg die verräterischen Spuren eines unruhigen Schlafes. Aus der Nachbarwohnung drangen Schüsse. Ihr verblödeter Nachbar Dennis zockte mal wieder, sonnte sich in seinem virtuellen Ruhm und war zumindest in diesem Augenblick glücklich. Für Betty war Dennis eher ein Dorn im Auge. Insgeheim nannte sie ihn seit einer gemeinsamen weinseligen Nacht ihr persönliches Watergate. Im Morgengrauen schlich sie sich peinlich berührt in ihr eigenes Bett. Aber das spielte jetzt keine Rolle mehr. Aufmerksam betrachtete sie sich im Spiegel, zupfte hier und da noch eine Strähne ihrer straßenköterblonden Haare zurecht und warf sich in ihr schönstes Kostüm. Heute würde er sie nicht mehr demütigen. Das kühle Metall an ihrer Hüfte erinnerte sie an ihren Plan.
Mit diesem Gedanken warf sie einen letzten Blick in ihr Zuhause. Ihre Blumen hatte sie bereits vor Wochen verschenkt – eine Sorge weniger.
Leise klapperten ihre Schuhe auf dem Asphalt. Klack Klack. So klingt eine Entscheidung, dachte sie und drehte sich noch einmal um. Das blaue Licht eines Monitors und das müde Flackern eines Fernsehers, der sich tapfer durch die Nächte kämpfte, waren die einzigen Beweise schlafloser Menschen. Erna konnte schon lange nicht mehr schlafen. Seit Frieder – Gott sei seiner Seele gnädig – von uns gegangen war, führte sie Nacht für Nacht stille Dialoge mit ihm. Ein Stückchen Hoffnung, bis die grelle Realität des neuen Tages brutal ihr Bewusstsein sprengte.
Im Auto wehte Betty die kalte Nachtluft ins Gesicht, ließ sie frösteln. Vielleicht war es auch Angst, die ihr kleine Schauer den Rücken runterjagten. Sie spürte die leichte Vibration des Motors und das Gewicht in ihrer Handtasche – ihr beruhigender Begleiter zu ihrem Ziel.
Wie oft ging sie durch diese Tür? Immer mit Bauchschmerzen und einem wütenden Gefühl im Magen, ähnlich einem Schraubstock. Das würde jetzt aufhören. Heute war der Tag der Erlösung – ihrer Erlösung.
Hinter ihr fiel leise die Tür ins Schloss. Einen Moment lang lauschte sie dem Klacken nach, das wie ein Kanonenschlag in dem leeren Bürogebäude klang. Ah, da war sie – die Kammer des Schreckens, ihre persönliche Hölle. Bald würde er durch diese Tür treten. Sie würde auf ihn warten. Jetzt gelassen, fast ein wenig melancholisch. Still saß sie auf seinem Sessel, in dem er arrogant jeden feuerte, der ihm widersprach, und dabei seinen Kautabak in den Raum rotzte.
Nicht mehr lange. Das kalte Metall der Pistole lag in ihrer Hand, der Dinge harrend, die da kommen mögen. Und sie würden kommen. Nur einer von beiden würde die kommende Nacht erleben.