Man kann nicht sagen, dass sie eine glückliche Frau ist. Von der Natur mit einer gewissen Attraktivität ausgestattet, aber mit einer Familie bestraft, die mehr belastet, als nutzt, stolperte sie von einem Frosch zum nächsten. Nachts liegt sie dann wach und träumt von der großen Liebe. Nicht, dass sie die noch nie erlebt hätte. Im Gegenteil: Ihr Herz wanderte von Frosch zu Frosch – fast wie die Krötenwanderung im Frühling.
Heute werde ich glücklich, denkt sie, während sie beschwingten Schrittes die leere Hauptstraße entlangläuft. Ihr Mantel – im letzten Winter noch modern – weht wie eine Fahne im Sommersturm hinter ihr her, schlägt ihr an die nackten Beine und hinterlässt unsichtbare Spuren des leichten Schmerzes auf ihrer zarten Haut. Die blonden Haare hat sie hochgesteckt, um die hohen Wangenknochen zu betonen. Ein wenig slawisch sieht sie schon aus. Vielleicht steckt doch irgendwo ein Russe in mir, denkt sie oft, wenn sie vor dem Spiegel steht.
Heute aber denkt sie nur an den Mann. Groß ist er, ein wenig verwegen mit der braunen Tolle in der Stirn und der Lederjacke aus echter Büffelhaut. Ich mag deine Augen, schrieb er ihr im Internet. Sie glänzen wie blaue Smaragde in der Sonne Afrikas. Ich möchte dich kennenlernen. Am liebsten sofort. Wann können wir uns treffen?
Einen kurzen Moment lang zögerte sie, nur eine Zehntelsekunde. Was er wohl von einer wie ihr möchte? Aber dann schrieb sie: „Morgen, 20 Uhr, in der kleinen Kneipe in der Kutschergasse. Ich freue mich.“ Danach tanzte sie den ganzen Tag beschwingt durch ihre Wohnung. Sogar die Gardinen hatte sie gewaschen und der Nachbarin den Müll rausgetragen. In dem Alter muss man solche Dinge nicht mehr allein stemmen müssen.
„Hi!“, fast schüchtern wirkt er. Wie allerliebst, denkt sie, während sie eine lose Strähne aus ihrem Gesicht streift.
„Ich freue mich, dich zu sehen.“, ihr Mund streift leicht seine Wange. Ein wenig rau. Er hätte sich ruhig besser rasieren können, schießt es ihr durch den Kopf. Meine zarte Haut wird morgen wie über ein Reibeisen gezogen aussehen. Aber das war nur ein kurzer Gedanke, denn sein Rasierwasser raubt ihr den Atem.
Galant nimmt er ihren Mantel, rückt ihr den Stuhl zurecht und fragt sie nach ihrem Tag.
„Gut.“, sagt sie, zeigt kurz ihre kleinen Grübchen und schweigt. Ein unangenehmes Schweigen. Fast so, als wäre die Luft aus einem Gespräch, das nie stattgefunden hat. Stattdessen streift sie ihre Pumps mit den kleinen Schleifchen von ihren Füßen, lehnt sich entspannt zurück und streichelt sanft mit den Zehen an der Innenseite seiner Beine entlang. Fast erschrocken zuckt er zurück. Unangenehm laut scharrt sein Stuhl über den Boden, fällt beinahe um.
„So einer bin ich nicht. Sorry. Es war ein Fehler, dich zu treffen.“ Und wieder scharren Stuhlbeine über den Boden und hinterlassen Striemen auf dem PVC aus dem letzten Jahrhundert. Seine Jacke schlägt unsanft gegen ihre Schulter und lösen weitere Strähnen aus ihrer Frisur.
Ich kann ihn nicht gehen lassen. Er könnte der Eine sein, denkt sie, während sie hastig nach ihrem Mantel greift. Dabei ist er schon längst zur Tür rein, nur noch ein Hauch einer Erinnerung.
Dunkel liegt die Straße vor ihr. Aus dem milden Abend war eine kühle Nacht geworden. Fröstelnd schlägt sie ihre Arme um sich – ein lahmer Versuch, sich zu wärmen. Sie konnte nicht wissen, dass Wärme schon bald keine Rolle mehr spielen würde. Lautlos sackt sie zusammen. Die Worte hört sie schon nicht mehr. „Ich hasse Schlampen.“
Wieder ein Frosch, denkt sie.