Diese Frage stellt eine der ältesten Fragen der Literaturtheorie auf den Kopf: Ist ein Werk durch seinen Inhalt definiert oder durch die Stimme, die es hervorbringt?
Als ich damit anfing, ernsthaft zu schreiben, fand ich einfach keine Kategorie für mich. Jeder wollte mich irgendwo einsortieren. Das wollte ich aber nicht. Ich schreibe nicht nur lustig oder morbide, nachdenklich oder traurig. Ich schreibe nach Intuition, nach Idee, nach Gedanken, nach Gefühl – nicht nach Kategorie. Warum muss ich mich also in eine Schublade quetschen lassen? Weil der Buchmarkt es so möchte? Weil Menschen Kategorien brauchen, um Ordnung und Struktur im Kopf zu schaffen?
Fakt ist: Verlage, Buchhandlungen und Algorithmen lieben Kategorien, weil sie die Vermarktung erleichtern. Ein Thriller-Leser weiß, was er bekommt, eine Romance-Leserin auch. Aber diese Logik dient dem Verkauf, nicht der Kunst.
Ist es nicht vielmehr die Autorenstimme, die die unterschiedlichen Genres miteinander verschmelzt?
Erwarte das Unerwartete
Schriftsteller wie Franz Kafka, Anton Tschechow oder in jüngerer Zeit Autorinnen wie Ottessa Moshfegh haben genau das getan: das Groteske, das Komische und das Tragische in derselben Stimme verschmolzen, ohne sich um Genregrenzen zu scheren.
Die Konsistenz liegt nicht im Sujet, sondern im Blick, im Ton, in der Art, wie der Autor Sprache behandelt. Das ist tatsächlich eine ältere und ehrlichere Form von Autorschaft, als sie das moderne Genre-Marketing vorsieht – Autorenschaft als Fingerabdruck, nicht als Etikett.
Kategorien sind trotzdem sinnvoll
Das bedeutet nicht, dass Kategorien per se nutzlos sind. Sie können weiterhin helfen, wenn Autoren veröffentlichen und Leser orientieren möchten. Aber als schöpferisches Prinzip gibt es Schrifstellern eine Freiheit, der sich viele Autoren selbst verweigern: Man muss nicht entscheiden, ob eine Geschichte „ins Profil passt“, bevor man sie schreibt. Die einzige Frage ist, ob sie zu einem selbst passen – und das entscheidet allein der Autor und nicht der Markt.