Es war ein grauer Morgen. Der Regen der vergangenen Nacht hatte die Erde aufgeweicht und kleine Nebelschleier über die Wiese gelegt. Am Horizont zeichneten sich die Umrisse der letzten Kuhherden ab, die noch tapfer den zunehmenden kalten Nächten trotzten. In jenem Jahr begann der Herbst früh. Bereits Ende September kam der erste Bodenfrost und wiegte die Flora in den Winterschlaf.
An diesem Morgen knarrte leise eine Tür. Kaum wahrnehmbar bewegte sich das alte Holz in rostigen Scharnieren und hinterließ feine Spuren im Boden. Zierliche Füße stakten unsicher durch den Schlamm, den der Regen in der Nacht hinterlassen hatte – fast so, als erahnte er die Tragödie, die sich in dem kleinen Haus am Waldrand abgespielt hatte.
„Sie war schon immer merkwürdig.“, würde später die Dorfhexe sagen und sich dabei bekreuzigen. „Sie war einfach einsam.“, erzählte die Nachbarin und wiegte dabei ihren Jungen im Arm. Ja, es sollten sich zahlreiche Geschichten um das junge Mädchen ranken, das an jenem grauen Morgen das Haus verließ und nicht wiederkam.
Belegt ist aber der Tod. So unausweichlich, wie er sich jeden holt, dessen Zeit gekommen ist, hatte er auch in dem kleinen Haus Einzug gehalten. Ein kleines Mädchen, keine fünf Minuten alt, lag neben dem Klo. Blau angelaufen war das kleine Gesicht und so friedlich, als hätte es den Himmel gesehen und nicht die Hölle.
„Woher hätte ich wissen sollen, dass sie einen Bastard unter ihrem Herzen trug?“, schimpfte der grobschlächtige alte Mann mit dem Bart eines Waldschrats.
„Diese kleine Hure. Zum Teufel soll sie sich scheren.“, wetterte die Frau, deren Kind zur Mörderin geworden war. Mutterliebe? Die konnte sich in jenem Tagen nach dem Krieg niemand leisten – erst recht keinen Bastard.
Und die Scheinheiligen beteten zu einem Gott, der in einer verregneten Nacht seine Augen verschloss, um einen Engel zu bekommen. Weit hinten aber – noch hinter den Kuhherden, die noch tapfer den zunehmenden kalten Nächten trotzten, nahm ein Mensch einen Strick. Es war ein grauer Morgen – ihr letzter.