Wie jeden Morgen nimmt er seinen Mantel, greift nach seiner Tasche und wirft einen letzten Blick zurück in die Wohnung. Das leise Klicken der Tür verschwindet ohne Widerhall in dem stillen Haus. Im schummrigen Treppenhaus riecht es nach Bohnerwachs und Schweißfüßen. Ein leichter Würgereiz steigt in ihm hoch – wie immer, sobald er das Treppenhaus betritt.
Sie schlafen alle noch, die Besserwisser, Egoisten und Rückgratlosen. Schon bald würden auch sie aus dem Schlaf erwachen und ihr erbärmliches Gesicht im Spiegel betrachten.
Aber was kümmert es ihn? Sie sind schwach – zu schwach für dieses Leben. Er weißes. Das muss genügen.
Vor ihm schlummern die Häuser im diffusen Zwielicht des kommenden Tages. Es soll ein schöner Tag werden. Für den Nachmittag haben sie herrlichen Sonnenschein und sommerliche Temperaturen angesagt. Perfektes Wetter für große Ereignisse, denkt er und setzt sich hinter das Steuer seines Fahrzeugs.
Die meisten lachten, wenn sie ihn sahen. Nicht nur das Auto war in ihren Augen eine Folter für ästhetische Menschen. Auch der Mann sticht mit seinem Äußeren aus der Masse hervor. Nicht hässlich. Das ist es nicht. Vielmehr sind es der krumme Buckel und die klobigen Füße, die ihn zum Gespött der Leute machen. Auf seinem Kopf schimmert die weiße Haut hindurch – ähnlich einem räudigen Strassenhund.
Einen Moment lang lauscht er dem dezenten Knattern seines Gefährts, bevor er es vorsichtig aus der Parklücke lenkt. Routiniert folgt er der geraden Straße in die Stadt – ein Weg, den er seit 40 Jahre immer um Punkt 05:30 Uhr nimmt, um ebenso pünktlich die Tür zu seinem Büro aufzuschließen und die Ablage durchzusehen. Wer sein Büro betritt, befindet sich in der Vergangenheit. Das Transistorradio auf dem Fensterbrett rauscht und knistert sich durch den Tag. Die Pflanze direkt neben dem alten Analog-Telefon hat auch schon bessere Tage gesehen und auf seinem Schreibtisch stapeln sich die Akten. Fein säuberlich aufeinander gestapelt zeichnen sie das Bild eines ordnungsliebenden Mannes. Einen Computer sucht der Besucher vergeblich.
Nun besuchen nicht viele den Mann. Meistens sitzt er allein – versteckt hinter seinem Aktenstapel – und kritzelt. Hin und her flitzt der alte Federhalter über das Papier, verändert Leben und Entscheidungen.
Pünktlich zum Mittagessen holt er seine Brotdose aus Blech aus seinem Schreibtisch und knabbert genüsslich an seinem Brot, während er das Treiben auf der Straße beobachtet.
So geht Stunde um Stunde dahin. Der Zeiger der alten Wanduhr kämpft sich Sekunde für Sekunde, Minute für Minute, Stunde für Stunde voran. Jeden Tag – Montag bis Freitag.
Um 17 Uhr schließt er die letzte Akte, legt seinen Federhalter ordentlich in das Etui, schließt das Fenster und verlässt das Büro.
Heute nicht. Heute bleibt der Mann sitzen. Stück für Stück leert sich das Gebäude und Ruhe kehrt ein. Nur von draußen klingt ab und zu das Geräusch eines hupenden Autos oder das Weinen eines Kindes durch die gut gedämmten Scheiben – ein Relikt einer Realität, die bald eine andere sein sollte.
Nicht lange und die Dämmerung bricht herein. Mit einem Seufzer nimmt er sich die letzte Akte auf seinem Tisch. Im Lichtschein seiner altersschwachen Lampe sieht er fast bemitleidenswert aus – bleich, unauffällig, ein Häufchen Dasein, das wie zufällig auf der Erde gelandet dasitzt. Einzig die Feder seines Stiftes durchbricht die Stille, die fast erdrückend im Raum hängt. Gespenstisch still. Zu still. Schwungvoll kratzt die Feder über das Papier und beendet etwas, was so nie hätte sein dürfen.
Bedächtig schließt er die Akte, ordnet seinen Schreibtisch, nimmt seine Tasche und verlässt das Haus. Und noch immer Stille – eine Stille des Schweigens, des Abschieds und der Trauer. Morgen würde eine neue Zeitrechnung beginnen, ein neuer Versuch.