Ich liebe meinen Job – immer freitags nach 16 Uhr, wenn ich den Computer runterfahre und mental bereits im heimischen Garten auf der Hängematte liege. Das Leben könnte so schön sein, wenn nicht fünf Tage lang das pure Chaos in meinem Leben toben würde und meine Nerven das Trainingsprogramm eines Extremsportlers auf Koks absolvieren müssten. Kurz: Ich liebe meinen Job – solange ich nicht im Büro bin. Der Grund: mein Chef. Ich habe keinen normalen Chef. Sein Name könnte synonym für Chaos stehen. Ich nenne ihn insgeheim Pippi Langstrumpf, denn wo andere Führungskräfte einen Plan haben, malt er sich seine Welt so, wie sie ihn gefällt. Regelmäßig verschwinden seine Gedanken ins Nirgendwo, um dann aus irgendeiner Ecke mit der Naturgewalt eines Tsunamis wieder hervorzubrechen und alles niederzuwalzen, was bei Drei nicht auf dem Schreibtisch oder in der Kaffeeküche ist. An besonders schlimmen, d. h. kreativen, Tagen meines Chefs besitzt unser Unternehmen die Atmosphäre des Düsseldorfer Hauptbahnhofs: viel Betrieb, aber niemand da. Denn dann beginnt der Exodus der Angestellten. Fluchtartig verlassen alle das sinkende Schiff in der Hoffnung, den letzten Platz im Rettungsboot zu bekommen.

Ich meine, ein gewisses Maß an Chaos kann sehr charmant sein, wenn dieses Chaos nicht mit einem ausgeprägten Hang zur Kontrolle verbunden wäre. Nordkorea ist dagegen ein Waisenkind. Fast gottgleich erhebt sich dann mein Chef über seine „unfähigen Schäfchen“, um mit der Sanftmut eines Märtyrers und der Geduld einer Kindergartenerzieherin vermeintliche Fehler auszubügeln. Das bleibt nicht ohne Wirkung. Mit der Energie eines mittelgroßen Vulkanausbruchs in den Wechseljahren schleppen sich meine Person und Co. durch den Tag – immer mit Blick auf die Uhr, deren Sekundenzeiger sich mit dem Tempo einer spanischen Nacktschnecke im Delirium gen Feierabend bewegt. Mit jeder Mail meines Chefs steigt mein Blutdruck, der meistens mit dem persönlichen Erscheinen meines Chefs vor meinem Schreibtisch epische Werte annimmt. Herzinfarkt auf Raten nenne ich das.

Apropos Herzinfarkt: Neulich sagte meine Ärztin zu mir, dass mein Blutdruck die Ausmaße des aktuellen Börsenkurses angenommen hat – ständig rauf und runter und wahrscheinlich dann am höchsten, wenn ich im Büro sei. Als meine Leibärztin kennt sie natürlich alle Details meines 50 Jahre alten Lebens. Ihr Rat: Stress reduzieren, gesund essen, kein Alkohol und viel Schlaf. Und da waren sie wieder meine drei Probleme: Mein Stresspegel ähnelt an einem Wochentag spätestens um 11 Uhr dem Wasserstand der Elbe im August 2002. Meine Ernährung könnte als Beispiel für „So macht man es nicht.“ dienen. Ohne Flasche Wein am Wochenende käme ich gar nicht in den Montag und Schlaf wird ohnehin überbewertet – und das spätestens, seit ich in den Wechseljahren bin. Was also tun? Ich verließ die Praxis und beschloss, am nächsten Tag zu kündigen. Leichter gesagt als getan, denn sobald ich das Büro betrete und den Rechner hochfahre, versetzt sich mein Hirn automatisch in den Überlebensmodus und funktioniert nur noch auf Sparflamme. The Walking Dead beim Tippen. Dann also morgen – so der Plan. Und täglich grüßt das Murmeltier.