„Butzi, lass uns nach der Arbeit noch eine Radtour machen.“, säuselt der mir Angetraute in meine müden Ohren und sieht mich erwartungsvoll an.
„What?“, gähne ich ihm entgegen. „Ich bin froh, wenn ich den Arbeitstag überstehe, ohne dass mein Kopf auf den Schreibtisch knallt.“ Damit war für ihn das Thema erst einmal vom Tisch. Für mich nicht. Während alle Welt von Hitzewallungen alternder Frauen spricht, fällt deren körperliche Erschöpfung unter „ferner liefen“. Dabei ist es gerade diese Erschöpfung, die so manch berufliche Karriere vorzeitig beendet.
Neulich las ich einen Beitrag zum Thema „Female Empowerment“. Von Karrierefrauen war die Rede, beruflichen Neuanfängen und Selbstverwirklichung. Bereits vom Lesen war ich so erschöpft, dass ich beschloss, mich erst morgen femal zu empowern und heute lieber das Sofa mit meiner Anwesenheit zu beglücken. Und wenig später lag ich im Tiefschlaf – den Regenwald abholzend und wirr träumend.
Apropos Schnarchen: Pünktlich mit dem 50. Geburtstag beschloss mein Gaumensegel in den Ruhestand zu gehen. Seitdem flattert es fröhlich wie ein Fähnchen im warmen Sommerwind – meist dann, wenn der mir Angetraute schlafen möchte. Eingeweihte wissen, dass dieser einen sehr leichten Schlaf hat. Leider.
Ach so. Female Empowerment. Ich las also diesen Artikel und staunte. Woher zum Teufel noch mal nahmen diese Frauen die Energie, um ein Unternehmen zu gründen, sich beruflich umzuorientieren, die Eltern zu pflegen, einem Sportverein beizutreten und gleichzeitig noch ein Studium neben dem Beruf zu absolvieren? Ich hingegen bin froh, wenn ich morgens um zehn Uhr noch halbwegs munter bin.
Beunruhigt recherchiere ich und atme erleichtert auf. Etwa jede 10. bis 13. Frau gibt ihren Beruf oder ihre Arbeitsstelle aufgrund von extremen Wechseljahresbeschwerden auf. Rund 40 bis 50 % der betroffenen Frauen ziehen während dieser Phase ernsthaft in Erwägung, ihre Arbeitszeit zu reduzieren, den Job zu wechseln oder ihre Karriere vorzeitig zu beenden. Ich bin also nicht allein und nicht der Schwächling vor dem Herrn.
Das größte Problem im Berufsalltag sei die mentale und physische Erschöpfung, lese ich. 41 % der befragten Frauen in einer Studie der Hochschule für Wirtschaft und Recht gaben an, ein hohes Bedürfnis nach Erholung zu haben. Oh ja, dieses Bedürfnis habe ich auch. Ständig. 24 Stunden am Tag.
Das Problem: Nur die wenigsten Frauen können mal eben den Job wechseln oder gar aufhören zu arbeiten. Mit 50+ ist zudem die Wahrscheinlichkeit, einen neuen Job zu finden, eher schwierig bis sehr schwierig.
Kurz träume ich davon auszusteigen. Raus aus dem Job. Rein in die Träume. Es war ein schöner Traum. Dann erinnert mich der mir Angetraute an das finanzielle Desaster namens Wasserabrechnung, Autokredit-Rate und unser Einkommen, das Träume eher vernichtet als zulässt. Also schiebe ich meinen Traum beiseite und schmiede Pläne. Mehr arbeiten? Ja, wenn ich die Energie dafür habe. Sparen? Gute Idee, wenn die Steuern und der Kredit nicht so hoch wären.
Genug getan für heute. Jetzt muss ich erst einmal schlafen. Morgen habe ich sicher genügend Energie, um ein Unternehmen zu gründen, den Job zu wechseln, einem Verein beizutreten und mich selbst zu verwirklichen. Meine Female Empowerment sollte jetzt erst einmal ins Bett gehen.