Oder: Was mir ein 37 Jahre alter BMW über das Leben verriet
Meines Schwiegervaters Auto musste in die Werkstatt. Als Ersatzfahrzeug erhielt er einen 37 Jahre alten BMW – ein Fahrzeug, das gebaut wurde, als ich 15 Jahre alt war. Ja, da war ich noch jung und knackig. Heute bin ich eine Großbaustelle, auf der langsam die Ersatzteile ausgehen.
Jedenfalls saßen der mir Angetraute und ich in diesem Auto, das so alt roch, wie ich mich fühlte, als ich in den Sitz plumpste und gefühlt zwei Zentimeter über dem Asphalt auf dem alten Leder landete. Und da saßen wir nun, wir zwei Mittelalte – der mir Angetraute mit einem glücklichen Grinsen, ich mit hochrotem Gesicht und Schnappatmung. Denn eines hatte der Oldie nicht – eine Klimaanlage.
Und dann erklang der Sound eines Original-BMWs aus den 1980ern und ich wurde schlagartig in meine Jugend zurück katapultiert. Mein Gott, was waren wir verrückt. Alte Autos waren an der Tagesordnung. Logisch. So kurz nach der Wende wurden wir förmlich mit schrottreifen Fahrzeugen überschwemmt, aber uns störte das nicht. Hauptsache, wir waren frei – und wie wir das waren.
Jetzt sitze ich hier und spüre eine leise Wehmut und eine starke Sehnsucht nach einer Zeit, in der alles einfacher zu sein schien. Klar, wäre ich damals erwachsen gewesen, hätte ich wahrscheinlich anders empfunden. Vielleicht wäre ich nicht so erschöpft vom Leben und der Arbeitswelt gewesen, aber ich wäre eben erwachsen gewesen – keine Jugendliche frei von Verantwortung.
Mit den Jahren wuchsen die Verantwortung, der Druck und die Erwartungshaltung der anderen. Mit Anfang 50 genieße ich die Leichtigkeit des mittleren Alters. Es ist nicht das gleiche leichte Gefühl wie vor 37 Jahren, aber es ist ein entspannteres Gefühl als vor fünf Jahren mit ein wenig Rost und kleinen Lackschäden. Vielleicht ist Anfang 50 die alte 15. Wer weiß das schon? Es ist wie das Wiederentdecken eines Raums für sich selbst, nachdem man viele Jahre vor allem mit dem Funktionieren in Beruf und Alltag beschäftigt war.