Ich rede zu viel – meistens dann, wenn ich nervös bin. Seit ich in den Wechseljahren bin, tickt in mir eine Uhr im stetigen Rhythmus des Lebens. Das nervt – nicht nur mich. Heute tickt meine Uhr besonders schnell und es kommt, wie es kommen musste. Ich führe Dialoge mit Luna:
„Hast du dich eigentlich jemals gefragt, warum die Leute in Horrorfilmen immer in den dunklen Wald rennen – mit der hell erleuchteten Stadt im Rücken? Ich meine, sind sie lebensmüde? Ich stelle mir das immer so vor: Die blonde Sheila rennt in den Wald. Hinter ihr joggt entspannt der potenzielle Mörder. Sheila hingegen schreit und schreit, ihr Pullover ebenso – nur eben in augenkrebserzeugendem Grün – leuchtend wie ein Signalfeuer wildcampender Studenten im Haschischfieber und zeigt dem blutrünstigen Typen zielsicher den Weg.
Plötzlich ein Knarzen. Die riesige Eiche vor ihr öffnet einladend ihre Arme und flüstert: Komm her, Sheila-Mädchen. Ich beschütze dich. Hektisch blickt sich das Opfer in spe noch einmal um und wägt ab: Lasse ich mich zu Hackschnitz verarbeiten oder flüchte ich in die Arme dieses Baums, der mich sicher beschützen wird? Spoiler-Alarm: Sheila wird nicht überleben.
Also noch einmal: Bei welchem Szenario ist die Wahrscheinlichkeit höher, zu überleben? a) Sheila rennt in den dunklen Wald. oder b) Sheila läuft zu einem hell erleuchteten Haus. Vergessen wir dabei einmal, dass der Bewohner des hell erleuchteten Hauses wahrscheinlich nach Sheilas Hilferufen mit Brettern Fenster und Türen vernagelt und mit einer Kalaschnikow aus dem 2. Weltkrieg heulend unter dem Bett liegt.“
Während ich atemlos, fast ein wenig glücklich, auf eine Antwort warte, kommt von ihr: Nichts. Träge liegt das Fellbündel vor mir und macht sich nicht einmal die Mühe, mit dem linken Auge zu blinzeln. Auch ohne ihre Gedanken lesen zu können, höre ich förmlich, was sie denkt:
‚Ich liebe mein Frauchen. Wirklich. Sie ist lieb. Sie sorgt für mein Wohlergehen und tanzt auch sonst nach meiner Pfeife. Aber: Sie quatscht zu viel. Meine Güte. Manchmal steht sie vor mir und erzählt mir etwas vom Wolf. Und ganz ehrlich: Who the fuck is Sheila?’