Neulich klingelte es an meiner Tür. Davor stand ein dicker Mann.
„Guten Tag, werte Dame. Haben Sie Interesse an einer hochwertigen Damenuhr, besetzt mit erstklassig reinen Blutdiamanten aus afrikanischen Minen.“
„Tach, nee, eher nicht. Ich vertrete das Konzept der Zeitlosigkeit. Dieses Konzept besagt, dass Zeit lediglich ein Konstrukt der deutschen Politik ist, um Menschen ihre Lebenszeit zu stehlen. Sie kennen sicher „Momo“. Das ist die Grundlage des Konzepts. Haben Sie Interesse daran, Teil dieses Konzepts zu werden? Sie können es gleich hier erwerben.“
Der Mann sah verwirrt wie ein Achtjähriger nach zehn Runden Achterbahn aus. Langsam kroch Röte aus seinem Kragen ins Gesicht.
„Ähm, nein. Ich kann Ihnen aber eine Uhr verkaufen, die Ihnen dabei hilft, Ihr Konzept besser zu praktizieren. Was halten Sie davon?“
Das klingt ja interessant. Mit einer Uhr wüsste ich schließlich immer genau, wie viel Zeit ich gespart habe, weil ich sie nicht vergeudet habe.
„Zeigen Sie mal her.“
„Da Sie die Uhr für etwas Besonderes brauchen, empfehle ich Ihnen die Variante mit reinen Blutdiamanten, zusätzlich versetzt mit Swaroski-Kristallen. Das sieht schick aus und würde Ihr interessantes Konzept dezent unterstreichen.“
„Was kostet die denn?“
„Nur 13.500 Euro. Und weil Sie es sind, bekommen Sie die für schlappe 12.300 Euro Sofortkauf.“
„12.300 Euro? Hören Sie mal. Das können Sie der netten alten Dame nebenan erzählen. Für die Penunzen fahre ich lieber in den Urlaub.“
Der glaubt wohl auch, ich bin auf der Wurstpelle dahergeschwommen. Deine Mutter… mein Freund, denke ich.
„Was halten Sie davon, wenn ich Ihnen die Rufnummer und Adressen von Leuten gebe, die ganz sicher Ihre Uhren kaufen? Für nur lächerliche 14.500 Euro bekommen Sie die exklusiv.“
Der Schweiß rann aus seinen Poren. In seinem Inneren tobten der Dreißigjährige und Hundertjährige Krieg gleichzeitig. Ganze Armeen schwangen ihre Waffen, entwarfen ausgefeilte Strategien, um wenig später auf dem Schlachtfeld der Gier zu sterben. Spoileralarm: Auch dieser Mann verlor den Kampf. Eilfertig hielt er mir ein Bündel Scheine vor die Nase, die mit Schwung und adliger Eleganz in meiner Bademanteltasche landeten.
Nur wenig später bekam er das Telefonbuch meiner Urgroßmutter.
Freundlich winkte ich ihm hinterher und murmelte seinem Rücken ein höfliches „Depp“ hinterher. Das Konzept der Zeitlosigkeit hat mal wieder funktioniert.