„Ich erinnere mich genau an den Tag, an dem dein Vater ging. Es war der heißeste Tag des Jahres. Die Hitze flimmerte über den Asphalt, der kleine Blasen warf. Du hattest nur deine Sandalen an, durch deren Sohle deine winzigen Füße verbrannten. Seine Koffer standen bereits in der Tür, als wir aus dem Kindergarten zurückkamen, und die neue Frau wartete unten im Auto. Er würdigte uns keines Blickes, nahm stumm seine letzten Sachen und schloss die Tür. Zurück blieben wir – in einer halbleeren Wohnung, in der es nur noch einen Tisch, zwei Stühle und dein Bett gab. Alles andere nahm er mit. Für seine neue Familie, ließ er uns ausrichten. Du warst zu klein. Du hast nicht verstanden, was passierte.“
Die junge Frau – vielleicht Anfang 20 – sieht ihre Mutter an. Ihre Augen sind blau – fast so blau wie die Karibik vor der Umweltverschmutzung. Ihre Augenbrauen zieht sie leicht nach oben, unmerklich, ein winzig kleiner Hinweis für einen aufmerksamen Beobachter. Die ältere Frau vor ihr sieht es nicht. Hätte sie es bemerkt, wäre das Gespräch vielleicht anders verlaufen.
„Als Vater ging, war es warm. Das stimmt. Die Sonne hatte meine Haut verbrannt, weil du vergessen hattest, mich mit Sonnenmilch einzucremen, und mir einen Sonnenhut aufzusetzen. Mir war übel und ich hatte Kopfschmerzen. Du hattest mich den ganzen Tag durch die Stadt geschleppt, weil du nicht wolltest, dass wir Vater treffen.“
„Das stimmt doch gar nicht. Du warst viel zu klein, als er ging.“ Die Wut steht in den Augen der älteren Frau. Fahrig fährt sie sich durch die weißen kurzen Haare, die wild wie Gras im Sommersturm auf ihrem Kopf standen. Unwillkürlich weicht die junge Frau zurück. Zu frisch ist die Erinnerung an die Hand auf ihrer Wange und die verletzenden Worte, die in sie eindrangen wie scharfe Messer und tiefe Wunden hinterließen.
„Als Vater ging, stand kein Auto unten vor der Tür. Es standen auch keine Koffer vor der Tür. Vater wartete auf uns. Er wollte mit dir reden, die Dinge ins rechte Licht rücken, aber du hast ihn ausgelacht und ihm gesagt, er sei so schwach. Jahrelang hast du mich belogen, meine Erinnerungen manipuliert und mich glauben lassen, dass mein Vater ein schlechter Mensch sei. Ich möchte dich nicht mehr sehen.“ Ihre langen Haare fliegen und bringen die Gardinen zum Schweben, während sie nach dem Griff der Tür fasst, um zu gehen. Vielleicht hätte sie ihr nicht den Rücken zudrehen sollen.
„Ich war immer für dich da. Den Arsch habe ich mir für dich aufgerissen. Du kannst mich jetzt nicht einfach so stehenlassen.“ Eiskalt, bedrohlich, beängstigend, fassungslos: Sie ist es nicht gewohnt, ihren Willen nicht zu bekommen. Ihre Arme umfassen das Mädchen. Ein unbeteiligter Beobachter könnte es für Liebe halten, eine Umarmung unter sich Nahestehenden. Er hätte nicht sehen können, wie diese Hände langsam das junge Leben aus dem Körper pressen, die diese einst gewiegt hatten.
„Niemand verlässt mich.“, flüstert sie, während der zarte Körper vor ihr auf den Boden gleitet.