Es ist ein früher Morgen. Die Vögel zwitschern ihr fröhliches Lied. Der Hahn kräht, als ginge es um sein Leben und ich liege eng an den mir Angetrauten gekuschelt noch im Bett und lausche den zarten Abholzungsversuchen desselbigen. In der Ferne klingelt ein Telefon. Moment mal: unser Telefon. Verdammt noch mal! Wer zur Hölle ruft um diese Uhrzeit an und spielt mit seinem Leben?
Schlaftrunken stolpere ich ins Wohnzimmer, falle über Herrenpantoffeln und weiß nun, dass unser Flur genauso lang ist wie ich. Des mir Angetrauten Vater blickt mich streng und wie immer leicht missmutig an. Ich hingegen sehe weg, schleiche mich zurück ins Bett und kuschele mich erneut an den noch schlafwarmen Körper des mir Angetrauten.
„Wer war das denn?“, nuschelt eine verschlafene Stimme unter der Bettenburg hervor.
„Ach, nur dein Vater. Wahrscheinlich hat er wieder das Internet gelöscht“, säusele ich in sein schlaftrunkenes Ohr – also in des mir Angetrauten Ohr und nicht des mir Angetrauten Vaters Ohr.
Das Grummeln unter der Decke ist Antwort genug. Eine halbe Stunde später klopft es an die Tür.
„Ich wollte euch nicht wecken. Kommst du dann mal hoch und machst mit mir die Bankgeschäfte?“, spricht mein Schwiegervater und zeigt uns seinen verärgerten Rücken. Zurück bleiben wir und ein subtiles Wutgefühl im Bauch.
Nun ist es nicht so, dass wir uns nicht um des mir Angetrauten Vater kümmern wollen. Wir haben aber auch ein eigenes Leben, das uns nur noch 20-30 Jahre schenken wird. Das ist nur noch wenig Zeit – gemessen an dem, was schon hinter uns liegt.
Und wieder einmal steht die Frage nach unserer Bringschuld im Raum.
Schätzungen zufolge pflegen in Deutschland mehrere Millionen Menschen Angehörige. Speziell die eigenen Eltern werden von einem Teil dieser Gruppe versorgt. Eine aktuelle Auswertung spricht von rund 1,2 Millionen Menschen in der zweiten Lebenshälfte, die ein oder beide Elternteile pflegen oder unterstützen. Care-Arbeit nennt unsere Politik das – und verlässt sich stillschweigend darauf, dass die Kinder es richten (gern auch ohne Vater Staat).
„Das bist du deinem Vater schuldig“, hörten wir von einem Bekannten, dessen Eltern frühzeitig verstorben waren. Aber ist der mir Angetraute das wirklich? Wie viel Verpflichtung den Eltern gegenüber ist legitim? Gibt es eine Bringschuld für Kinder, die ihre Geburt gar nicht beeinflussen konnten? Existiert ein Recht der Eltern darauf, dass ihre Kinder ihr Leben aufgeben, um sie zu pflegen? Ist es nicht eher Egoismus, Pflege einzufordern und so das Leben der Kinder einzuschränken?
Des mir Angetrauten Vater beispielsweise ist ein Spion – nicht so talentiert wie James Bond, aber mindestens genauso neugierig. Ich witzele immer, dass er durchaus bei einem Geheimdienst hätte Karriere machen können. Aus dem Gesehenen spinnt er Geschichten. Spannend? Absolut. Aber wahr? Buratino ist ein Waisenknabe gegen ihn. Das spielt aber auch keine Rolle. Eine Rolle hingegen spielt, dass mein Schwiegervater nie ein Vater war – eher ein böser Hausgeist, der mit der Urgewalt eines Hurrikans der Kategorie 10 Leben vernichtete. Umso selbstverständlicher fordert er aber die Vorzüge eines Vaters ein. Von Pflege spricht er. Unterstützung und Pflicht. Urlaub? Nur mit ihm.
Sicher gibt es liebende Kinder, die ihren Eltern gern etwas zurückgeben. Aber das gilt nicht für alle.
Bringschuld hin oder her: Wir bringen unsere vermeintliche Schuld in unseren Campervan und laden sie am Nordpol ab – ohne Schwiegervater. Der mir Angetraute und ich sind uns da einig: Selbstaufgabe nein. Fürsorge ja.
Bring ich oder bring ich nicht? Nein, wir holen – unser Leben zurück.