„Du, der Florian, du weißt schon: Der Kollege, mit dem wir letztes Jahr seinen 60. gefeiert haben. Der ist tot.“
Der mir Angetraute sieht mich traurig an und flüstert: „Er war nur zwei Jahre älter als ich. Kerngesund.“
Ich sehe, dass es ihn beschäftigt und denke daran, wie viele Bekannte, Angehörige und auch Freunde wir in den letzten drei Jahren zu Grabe getragen haben. Los ging es mit einem Bekannten. Sportlich, gesund lebend und scheckheftgepflegt. Eines Tages fuhr er Auto und starb an einem Herzinfarkt. Bald darauf folgte eine Bekannte: Krebs. Binnen acht Monaten war sie tot. Dann folgte die Mutter des mir Angetrauten und nun der Kollege.
Dem mir Angetrauten und mir ist natürlich bewusst, wie kurz die uns verbleibende Zeitspanne im Vergleich zur gelebten Zeit ist. Wir sind beide über ein halbes Jahrhundert alt und haben mit etwas Glück noch 25 bis 30 Jahre vor uns. Wenn es nach Friedrich Merz geht, fallen wir – wenn möglich – direkt vom Bürostuhl ins Grab. Schließlich soll unsere Regierung die so gesparte Rente für Radwege in Hinterturkistan ausgeben können. Wir denken schon heute an die Welt da draußen.
Laut Statistik liegt die aktuelle durchschnittliche Lebenserwartung in Deutschland bei rund 81 Jahren insgesamt; für Männer etwa 78,5 Jahre und für Frauen etwa 83,2 Jahre. Der mir Angetraute hat also noch 20 Jahre vor sich und ich 30. Gemessen an der Zeit, die wir bereits gelebt haben, ist das ungefähr so viel ein Schmetterlingsschlag im Universum (sehr poetisch).
Jedenfalls denken wir wie viele andere auch darüber nach, was wir mit der verbliebenen Zeit anfangen sollen. Spoileralarm: Wir arbeiten nicht, bis wir tot umfallen. Das kann gern Friedrich Merz machen – sofern von Arbeit die Rede sein kann.
Wir schmieden Pläne: Auswandern. Au ja. Am liebsten die Sommer in Schweden und die Winter im Süden verbringen. Kurze Kopfrechnung: Verdammt. Die Kohle reicht nicht. Da fällt mir gerade ein: Wir sollten ja fürs Alter sparen. Und wieder rattert der Rechner in meinem Kopf. Ja, wenn die Steuern nicht wären…, die hohen Energiepreise, das Benzin, du lieber Himmel. Wir sollten Radfahren. Gute Idee. Da gibt es nur ein Problem: Es gibt keine Radwege bei uns. Für die Staatskasse hingegen wäre das gut. Auch Verkehrstote spülen Geld in die Kasse.
Entwicklungspsychologisch betrachtet sind der mir Angetraute und ich normale Angehörige des Mittelalters. Mit Anfang 50 sortiert man sich neu, beendet Karrieren, tritt kürzer, erfüllt sich Träume.
Fakt ist: Weder der mir Angetraute und ich kennen mittelalte Menschen, die gern länger arbeiten möchten. Im Gegenteil: Viele haben gesundheitliche Probleme, sind erschöpft und auch frustriert, was natürlich auch der Arbeitswelt geschuldet ist. Höher, schneller, weiter – bis wir tot umfallen.
Schöne neue Welt Hamsterrad. Während die Reihen sich lichten, rennen wir weiter im Kreis.