Eigentlich sollte ich etwas Lustiges schreiben. Aber ich kann nicht. Mein Hund ist gestorben – vor drei Wochen. Einfach so. Völlig unerwartet. Seitdem befinde ich mich in einem ständigen Wechsel zwischen Ebbe und Flut – die Tide der Trauer sozusagen.
Das Gemeine an Trauer sind ihre Wellen. Nicht die sanften Wellen der ruhigen Ostsee. Eher die tosenden Fluten des Atlantischen Ozeans vor Portugal – nicht, dass ich jemals dort gewesen bin, aber ich habe jede Menge Videos davon gesehen. Man kann mich also durchaus als Expertin bezeichnen. Das weiß die Trauer aber nicht und überrollt mich hinterhältig auch in schönen Momenten.
Als Social-Media-affine Hundehalterin tummelte ich mich natürlich in diversen Gruppen auf Facebook und staunte immer wieder über Posts trauernder Hundehalter. Von Schmerz war die Rede. Vom Vermissen. Vom Unbegreiflichen. Damals dachte ich: ‚Ihr habt den Tier Leid erspart. Das war euer Ausdruck größter Liebe. Eure Entscheidung.‘ Ich konnte nicht wissen, dass eine solche Entscheidung das Herz aus der Brust reißt und auf Nimmerwiedersehen verschwinden lässt.
Heute weiß ich, dass meine Gedanken Unfug waren. Blödsinn. So blödsinnig wie der Spruch vom Heiraten und dann verheilten Wunden. Was niemand in den Posts erwähnte, ist die Schuld, die man als Tierhalter gratis zur Trauer geliefert bekommt. Die Schuld, über ein Leben oder den Tod eines Lebewesens entschieden zu haben, das es selbst nicht konnte. Über den Tod eines Tieres entscheiden zu müssen, das oft über ein Jahrzehnt hinaus täglich das Leben bestimmt hat, ist in etwa wie eine Operation am offenen Herzen bei vollem Bewusstsein.
Aber wer gibt schon zu, schuldig zu sein? Niemand stellt sich freiwillig an den Marterpfahl und lässt sich steinigen. Dabei ist Schuld in diesem Fall ein trügerisches Gefühl. Trügerisch, weil diese Schuld vor dem Trauma des Verlustes schützen soll. Experten nennen das auch Hüterschuld. Als ich das erste Mal diesen Begriff hörte, fühlte ich mich eher wie ein Schäfer als wie eine Hundehalterin. Natürlich ähnelte unsere Hündin seit ihrer medizinisch notwendigen Kastration eher einem Nepalschaf als einem Hovawart, trotzdem sah ich mich nicht als Hüterin. Das änderte sich mit der Definition. Hüterschuld ist die moralische oder persönliche Verantwortung für ein Lebewesen. Ich trug Verantwortung für meinen Hund. War ich verantwortungsvoll genug? Bin ich mit meiner Entscheidung, sie gehen zu lassen, meiner Verantwortung als Hüterin nachgekommen oder habe ich sie einfach abgegeben? Hätte ich diese Entscheidung vielleicht verhindern können, wenn ich vorher weisere getroffen hätte? Ich weiß es nicht.
Fakt ist: Trauer und Schuld sind ein eingespieltes Team, gegen das ein verantwortungsvoller Tierhalter kaum ankommen kann. Das ist in etwa so, als würde Tunesien gegen Frankreich spielen.
Auch ich komme dagegen nicht an. Aber das muss ich auch nicht. Ich habe getan, was ich konnte – mit dem Wissen, das ich hatte. Irgendwann wird das auch mein Herz verstehen und den schönen Erinnerungen einen Platz reservieren. Bis dahin trauere ich.
Hüterschuld hin oder her: Wir treffen Entscheidungen mit dem verfügbaren Wissen. Wir sind Menschen. Aber sind wir deshalb schuldig?